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Die Wurzeln der europäischen Glasherstellung

Entscheidend für den endgültigen Aufstieg der Murano Glasherstellung war das byzantinische und islamische Glas. Durch den ausgedehnten Handel zwischen Venedig und dem Orient gelangten nicht nur reich geschmückte Prunkgefäße nach Venedig, sondern auch Glasfachleute, die ihr Wissen und neue Technologien mitbrachten.

Venedig entwickelte sich daher seit dem späten dreizehnten Jahrhundert zum weltbekannten Zentrum für Glaskunst. Wegen der großen Brandgefahr, die aufgrund der ständig aktiven Glasöfen bestand, ordnete der Doge von Venedig 1292 an, alle Glasmanufakturen zu zentralisieren und auf die nahe gelegene Insel Murano zu verlegen.

Das 15. Jahrhundert war für das Murano-Glas wohl die Goldepoche seiner älteren Geschichte. Die Erfindung der neuen Glasformel des Cristallino, durch die ein ganz helles, farbloses und durchsichtiges Material erzeugt wird, das leicht zu verarbeiten ist, festigte Venedigs Glasvormacht. Von da an gelang es für eine lange Zeit in der Glasanfertigung künstlerisch wie auch technisch weltweit die Oberhand zu behalten. Murano-Glas wurde zu einem Prestigeartikel der herrschenden Aristrokratie.

Das Barock mit den bekannten Flügel- oder Kuttrolf-Gläsern war die Epoche einer neuen Formfreiheit. Aus diesem neuen Ansatz heraus entstanden heute sonderbar erscheinende Baluster-Kelche, herrliche „Ciocche“ genannte Kronleuchter und exklusive venezianische Spiegel.

Um 1900 wurden viele neue Glasfabriken gegründet, die noch heute bekannte Namen wie Barovier, Cappellin, Ferro, Moretti, Salviati, Toso trugen. Zudem wurde ein Glasmuseum eröffnet, eine wichtige Institution, in der sich bis heute Muranos große Tradition offenbart.

Geschäftlich ging es also wieder aufwärts. Der erst künstlerisch wichtige Erneuerungsversuch des Murano-Glases, mit dem die Glasmoderne begann, fand im Jahre 1895 statt. Mit der Herstellung des schwingenden, spiralfußförmigen Pokals von Giuseppe Barovier begann ein neuer Abschnitt. In ihm vereinigt sich handwerkliche Meisterschaft und geniale, ja revolutionäre Formgebung einer Kombination, der nun die Zukunft gehören sollte.

Tradition auf dem Weg in die Moderne

Der Erfolg des italienischen Glasdesigns des 20. Jhrdts. beruhte auf einer Jahrhunderte hinweg bestehenden Handwerkstradition mit beindruckender Kontinuität historischer Vorbilder. Frankreich wandte sich dem eklektischen Art Déco Stil zu, Deutschland der minimalistischen Moderne, die USA dem Industriedesign. Die Italiener hingegen wollten keine Serienprodukte schaffen, sondern hatten gutes Handwerk oder Kunst im Sinn. Stets spielte die Schönheit eine Rolle, während die Nützlichkeit durchaus nicht immer gegeben war.

Im Jahr 1925, nach der Pariser Art Déco Ausstellung, auf der die Muraneser hauchzarte, anmutige Gläser zeigten, befreite sich das venezianische Glas endgültig vom Oberflächenornament, wie es etwa bei Daum und Lalique in Frankreich noch maßgebend war. Erst in den dreißiger Jahren folgten in Murano auch Bildhauer teilweise dieser neuen Richtung, darunter Napoleone Martinuzzi mit seinen Kakteen-Objekten und Emilio Nason mit Glastieren.

Als 1932 auf der Biennale in Venedig der Venezia-Pavillon für angewandte Kunst eröffnete, wurde es für Muranos führende Glashersteller zur festen Gewohnheit, dort alle zwei Jahre ihre neuesten Produkte venezianischer Kunstgläser auszustellen. Auf der Triennale in Mailand hingegen traf sich die Avantgarde. Zecchin-Martinuzzi-Venini, Dino Martens und Gio Ponti zeigten dort ihre Glasplastiken.

Nach dem Krieg und der Wirtschaftskrise erlebt das italienische Glasdesign in den 50iger Jahren seine fruchtbarste Ära. Zum ersten Mal wurden auf der Insel Murano auch Entwürfe zahlreicher bekannter Künstler verwirklicht – darunter die Großen der Moderne wie Hans Arp, Jean Cocteau, Salvador Dali, Max Ernst, Oskar Kokoschka und natürlich Picasso.

Das Selbstbewusstsein und die Kreativität erweiterte die Produktpalette, der Glasmarkt expandierte. In Murano wurden nun auch Leuchten bzw. deren Glasschirme hergestellt, was sich als äußerst wichtiges Geschäftsfeld erwies. Der Werkstoff wurde zu einem Lieblingsmaterial der Innenarchitekten und deren Produktdesigns. Davon profitierte Murano, das durch den enormen Imagegewinn des italienischen Designs ohnehin im Aufwind war. Italien wurde zum Designland „ numero uno“. Industriedesign hatte das Credo Schönheit und Funktionalität für alle. A.V. Mazzega, Leucos oder auch Vistosi waren marktbestimmend.

Während die Konkurrenz ausländischer Betriebe in den achtziger Jahren das Murano-Glas in Bedrängnis brachte, wurden einige kleinere Glashütten der Lagune zu Rettern der Tradition. Auf hohem Niveau wurde die Herstellung neuer Designs mit antiken Techniken vorangetrieben. Parallel begann die Zusammenarbeit mit bekannten Künstlern, die moderne Glas-Unikate und Plastiken schufen. Entscheidend für den Erfolg der heutigen Muraner Glasszene waren Andrea Zilio, Pietro Ferro, Giacomo Barbini, Michele Burato, Davide Salvadore, Enrico Cammozzo und einige mehr.